Ich bin ein schlechter Mensch

Ich bin ein schlechter Mensch

Mit der Verfassung dieses Blogeintrages laufe ich Gefahr als Unsympath zu erscheinen.
Aber dieser Blog, das ist mein Kopf, das ist mein gesammeltes Gedankengut, das bin ich.
Wenn ich vollumfänglich und authentisch erscheinen möchte, darf ich keine Details auslassen.

Ich muss dir etwas sagen.
Ich bin ein schlechter Mensch.
Ich fluche. Beinahe 24 Stunden am Tag. An sieben Tagen in der Woche.
Ich rede über andere. Ich beäuge sie und spreche meine Gedanken laut aus.
Ich urteile. Manchmal voreilig.
Ich bin Beikoch auf Teilzeit in der Gerüchteküche.
In meinem Kopf spielen sich Szenen ab, die ich niemals aussprechen könnte.

Ich bin Mensch.
Ich bin wie ihr.
Ich bin wie du.

Aber ist das eine Entschuldigung? Ist es eine Entschuldigung im Schwarm mitzuschwimmen und sich für das Überleben perfekt anzupassen?


Hast du die Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ gesehen?
Hast du das zugehörige Buch „13 Reasons why“ gelesen?
Kennst du Hannah?

Hannah tötet sich selbst. Die 13 Gründe ihres Handelns erfährst du, wenn du in die Geschichte eintauchst.
Ihre Geschichte wird geprägt von Neid, Missgunst, von Einsamkeit, von abgewandten Blicken, von verdrehten Geschichten, von voreilig gezogenen Schlüssen und von brutaler Gewalt.

Der Mensch über den du gerade urteilst könnte Hannah sein.
Das dicke Mädchen, welches du als unsportlich und faul abstempelst könnte Hannah sein.
Der Junge mit der Brille und der fettigen Haut, der seine Hausaufgaben immer dabei hat und dich nicht abschreiben lässt, der fleißig ist und im Unterricht schweigt, weil er strebsam und ehrgeizig ist könnte Hannah sein.
Der Mensch im Zug neben dir, der in eine stille Wohnung fährt, in der niemand auf ihn wartet könnte Hannah sein.
Wir alle könnten Hannah sein.
Niemand auf dieser Welt sollte zu Hannah werden.


Nachdem ich mit Tränen in den Augen die Serie abgeschlossen hatte war es still um mich.
Der Fernseher war stumm, doch die Gedanken in mir waren laut und deutlich.
Ich konnte sie bis tief in die Nacht nicht zum ableben ermutigen.
Ich möchte niemanden zu Hannah machen.
Ich möchte sensibel für andere sein. Ich möchte nicht länger reden, ich möchte zuhören.
Ich möchte nicht fluchen, sondern mich erfreuen.

Es ist der lachende alte Mann, der meinen Weg auf der Suche nach einem Parkplatz kreuzt, ich denke nicht daran, dass ich keine Zeit habe und wegen ihm später komme. Ich freue mich über das Strahlen in seinen Augen, dass sie so sehr verjüngt erscheinen lässt.
Es ist das Zwinkern des Anzugträgers, als ich auf meine Vorfahrt verzichte, um ihn schneller an sein Ziel kommen zu lassen, welches in mein Herz trifft.
Es sind diese grundlosen Umarmungen, die Worte, die sich so viel besser anhören, als die des Neids und der Missgunst.
Es sind die kleinen Nettigkeiten, die mich glücklich werden lassen und es ist eine große Sache, die ich gerade noch zu erlernen versuche:
weniger auf die viel zu laut gesprochenen Geschichten der anderen hören und anstelle hierfür den Worten zu lauschen, die unausgesprochen bleiben.

 

Annicaillou

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