Oh, ich hab ’ne Krise

Oh, ich hab ’ne Krise

Seit Tagen und Wochen starre ich den Bildschirm an.
Mein Notizbuch bleibt zu.
Der Bleistift bekommt keine Chance sich auf dem Papier zu verewigen.
Es ist leise in meinem Kopf.
Dinge, die mir noch vor kurzer Zeit leicht gefallen sind werden zu einem Zwang.
Ich suche krampfhaft nach Themen, über die ich schreiben kann.
Kommunikation, mein größtes Hobby hat seinen Charme verloren.

Lange suche ich nach Gründen für meine aktuelle Situation und je länger ich mich damit auseinandersetze, desto klarer erscheint die ständig verdrängte und dennoch so präsente Tatsache:

Ich habe eine verdammte Krise.


Mein 26. Geburtstag steht unmittelbar bevor und ich – ein Mensch, der sich selbst immer an Geburtstagen am höchsten leben lässt – verdränge diesen Tag zum ersten Mal in meinem Leben.
Ich fiebere nicht euphorisch diesem Tag entgegen. Er steht vor mir wie ein großes, schreckliches Mahnmal, welches die 30 einlenkt.

Ich erinnere mich an meinen letzten Geburtstag. Ich war leicht und „jung“ und unbeschwert.
Ich hatte Pläne und habe mir an diesem Tag, welcher nun mittlerweile beinahe ein Jahr vergangen ist ausgemalt, wo ich ein Jahr später stehen werde.
Und nun, ein Jahr später fühle ich mich, als würde ich auf der Stelle tappen.
Es ist unfassbar viel in den letzten 365 Tagen geschehen. Ich durfte wundervolle Momente erleben. Ich musste lernen aufzustehen, um anschließend wieder mit dem Kinn auf dem Asphalt aufzuschlagen. Ich habe Menschen kennen und lieben gelernt und ich habe Menschen gehen lassen müssen.
Ich habe neue Orte bereist und neue Pfade erkundet.
Ich habe gelebt.
Und wenn ich im Spiegel die kleinen Falten an meinem Dekollté erblicke weiß ich, Gott verdammt ich habe exzessiv gelebt.
Die Falten an meinem Mund sagen mir leise, wie viel ich gelacht habe und die Leberflecken an meinen Armen erzählen Geschichten, die meine Haut in der Sonne erlebt hat.

Und ob der Tatsache, wie viele Dinge geschehen sind sehe ich mich noch immer an dem selben Scheitelpunkt des Weges stehen, an dem ich bereits vor einem Jahr stand.


Ist das Problem des Älterwerdens das älter werden an sich oder ist das älter werden eigentlich nur eine stumme Zahl, die die Erlebnisse auf dieser Erde kumuliert?
Ist das eigentliche Problem die Angst vor dem Stillstand?

Wir Menschen versuchen alle Zeichen der Alterung zu kaschieren.
Sollten wir nicht eigentlich diese kleinen Zeugen des „gelebt haben“ stolz zur Schau stellen?
Werden wir älter, nur weil sich der Tag unserer Geburt jährt?
Denn schließlich ist es nicht das Alter, welches wir mit teurer Kosmetik vertuschen wollen, wir wollen lediglich den Versuch wagen die Zeit anzuhalten.
Zeit anhalten – eins der wenigen Dinge, die der Mensch niemals verwirklichen können wird.
Aber der Mensch ist ein Wesen, das durch die Lehre wachsen kann.
Lernen wir von der Zeit die wir gelebt haben zu zehren und gleichzeitig mit der Zeit die noch vor uns liegt zu leben, so werden wir verstehen, dass es nicht nötig ist die Zeit anhalten zu können.


Je mehr ich meinen Gedankenfluss an diesem sonnigen Montag im Juli kreisen lasse fällt mir auf, dass wir die Angst mit Dingen, die wir in einem gesunden Körper, in dem eine reine Seele leben darf , erleben dürfen feiern sollten und das große, dunkle Mahnmal umgehen sollten.

Wir sollten die außergewöhnlichen Momente des vergangenen Lebensjahres hochleben lassen, anstatt eine Jahreszahl auf einem Kuchen.
Wir leben dieses Leben nur einmal und mit jeder Sekunde, die tippend vergeht, vergeht eine Sekunde auf meiner Lebensuhr.
Aber ist es nicht die Angst vor dem alt werden an sich, die diese Vergänglichkeit bedrohend erscheinen lässt, sondern die Angst, diese Zeit nicht erfüllt gelebt zu haben?


In Anbetracht der Tatsache, welches Gedankenwirrwar sich in meinem Kopf zusammenbraut klappe ich mein Notebook zu.
Ich ziehe die schmerzenden Schuhe aus und laufe Barfuß, wie einst mit sieben Jahren, als meine nackten Füße den warmen Boden gespürt haben, wenn ich zum Gitarrenunterricht gelaufen bin.
Alter – es ist nur eine Zahl oder eine Betitlung, denn das was bleibt ist der Mensch, in der reifenden Hülle und wir können selbstbestimmt, barfüßig durch dieses Leben spazieren und entscheiden, wer wir sind.

Annicaillou

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